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Bligg / 2009
Bligg

Es war ein intensiver Rückzug, den sich Bligg eingeräumt hatte: Knapp acht Monate, vom Januar bis August 2010, verschwand der Musiker vom Radar der Öffentlichkeit. Nicht etwa, um einfach mal auszuspannen, sondern um sich voll und ganz auf sein neues Werk BART ABER HERZLICH zu konzentrieren.

Ein Krampfer war Bligg schon immer: Wer seine Karriere verfolgt hat, weiss, dass er sich kaum je eine Pause gegönnt hat, immer dran geblieben ist, wenn es um seine Musik ging – acht Alben in fast zehn Jahren sind da eigentlich Beweis genug. „Ich halte es nie sehr lange mit dem süssen Nichtstun aus. Nach ein paar Tagen werde ich unruhig, und dann muss wieder was gehen“, lacht Bligg. Sein unermüdlicher Einsatz hat sich ausbezahlt: 2008 veröffentlichte Bligg “0816” – und avancierte damit zum zurzeit erfolgreichsten Schweizer Musiker. Mehr als 140’000 verkaufte Alben, über anderthalb Jahre in den Charts, unzählige ausverkaufte Konzerte, die Singles „Rosalie“ und „Musigg i dä Schwiiz“, die 67 respektive 58 Wochen in der Schweizer Hitparade waren, und schliesslich eine Vierfach-Platin-Auszeichnung für das grandiose Abschneiden von „0816“ – kein Wunder, wollte Bligg den Kopf frei halten für das neue Album. Zusammen mit dem Produzenten Fred Herrmann begab er sich Ende Mai ins Hitmill Studio in Zürich. Bereits im Februar hatten die beiden in einem zweiwöchigen New York-Aufenthalt erste Ideen für das neue Album gesammelt, In Zürich komponierten sie neue Stücke und holten auch Mitglieder von Bliggs Live-Band für Jam-Sessions in den Aufnahmeraum. Drei Monate lang arbeiteten Bligg und Fred Herrmann am neuen Album; erst Ende August 2010 wurde es fertig. ”Es war eine intensive und kreative Zeit”, so Bligg. “Aber da ich hohe Erwartungen an mich selber stellte, war es zum Teil auch belastend. Eine Belastung a priori, die ich alleine durchstehen musste – in so einem Moment kann dir niemand helfen.”

Das Cover des neuen Albums BART ABER HERZLICH symbolisiert denn auch diesen Rückzug: Bligg präsentiert sich mit einem Einsiedlervollbart. „Einen 3-Tage-Bart trag ich ja schon sehr lange“, erklärt Bligg. „Der Vollbart auf dem Cover soll die Zeit meiner Abwesenheit darstellen und gleicht zudem einem typischen Schweizer Sennenbart.“ Dies ist kein Zufall: Er soll die Verbindung vom Modernen mit dem Traditionellen widerspiegeln. Wer einen solchen Bart trägt, signalisiert auch, dass er tough sein kann, aber auch eine sehr herzliche Seite hat. „Das bringt meine Persönlichkeit auf den Punkt“, sagt Bligg.

Was BART ABER HERZLICH auszeichnet, ist die logische Weiterentwicklung von Bestehendem. Das neue Album knüpft da an, wo “0816” aufgehört hat. Nach wie vor sind Akkordeon und Hackbrett in vielen Songs vorhanden, nach wie vor ist die Verbindung von Rap und Volksinstrumenten ein wichtiger Bestandteil. Das zeigt sich in der Single “Legändä & Heldä”, die Ende August als Hymne des Schwingerfests veröffentlicht wurde und in den Single Charts durchstartete: Der Song stieg sofort nach Veröffentlichung auf die Nummer Eins der Schweizer Singlehitparade ein. Aber Bligg wäre nicht Bligg, würde er nicht einen Schritt weitergehen, den Fächer musikalisch und thematisch öffnen. Er wagt sich in Richtung Rock, Ska und Soul vor und erlaubt sich sogar einen Abschweifer in Richtung Charlston. Neu dabei ist ein Bläsersatz, der viele Songs ausschmückt. Xavier Naidoo kam für “Spiegel” zu Bligg ins Studio, Jessy Howe von den Raveners für “I’d Kill For You”, und der Zürcher Rapper Samurai für „Exklusiv Introview“. “Thematisch sind einige meiner persönlichsten Texte zu hören, aber einen Seelenstriptease gibt’s trotzdem nicht“, erklärt Bligg. Humor muss seinen Platz haben (etwa, wenn Bligg den Sensemann in “Rendezvous” mit einem rechten Haken ausser Gefecht setzt); ernsthaft darf es aber durchaus auch sein – z.B. mit “S.O.S”, einem Song über die Jugend von heute, die unter einer permanenten Reizüberflutung leidet. Überhaupt bietet BART ABER HERZLICH ein ganzes Spektrum von Themen, sei es im Upbeat-Song „Manhattan“ über die Frage, ob man Stil hat („Man hät en“), sei es im epischen „Annie May“ über Schicksal und Vorbestimmung, sei es im witzig-skurillen Rap „Chef“ über streitende Organe. „Die Inspirationen für die Songs kommen aus vielen verschiedenen Winkeln“, erklärt Bligg. „Stadt/Land“ etwa, der das Gefälle zwischen Stadt und Land thematisiert, kam Bligg auf seinen vielen Reisen durch die Schweiz in den Sinn. „Spiegel“, behandelt die gravierenden Probleme unseres Planeten. Wer mehr über die Songs, Hintergründe und Inspirationen erfahren will, dem ist das Songbuch zu BART ABER HERZLICH zu empfehlen, das (wie bereits sein Vorgänger zu „0816“) auch die Noten zu den Liedern und jede Menge tolle Fotos enthält.

Bligg beginnt den offiziellen Teil seiner Tournee im Februar/März 2011. Mit von der Partie wird dieselbe Band wie auf der „0816“-Tournee sein: DJ Cutmando, Co-Rapper Samuel “Sam-B” Bliggensdorfer, Drummer Fred Herrmann, Sängerin Lesley Bogaert, Gitarrist Zlatko “Slädu” Perica, Hackbrett-Virtuose Nicolas Senn, Bassist Reto C. “FU” Gaffuri und Akkordeonist Hubert Kieffer. Um heraus zu finden, wie die neuen Songs am besten vor Live-Publikum funktionieren und woran Bligg und seine Band noch feilen mussten, erprobten sie einen Monat vor Albumveröffentlichung auf einer Showcase-Tournee durch fünf Schweizer Clubs das neue Material. „In der 70ger und 80ger Jahren haben grosse Bands ihre Songs auf der Bühne ausprobiert, ehe sie damit ins Studio gegangen sind. So haben sie zum vornherein gewusst, was hinhaut und was nicht. Das konnte ich natürlich nicht – die Platte war ja fertig. Trotzdem wollte ich ein bisschen von diesem ‚Work-In-Progress’-Feeling in die Livearbeit einbringen“, erklärt Bligg.

Über 50 Songideen hatte Bligg für BART ABER HERZLICH vorliegen; an Ideen mangelte es ihm wahrlich nicht. „Es ging mir darum, ein abgerundetes Album zu präsentieren. Da musste ich manchmal auch auf tolles Material verzichten, damit es als Ganzes funktioniert“, sagt Bligg. „Weglassen ist ein Teil der Kreativität.“